Søren Kierkegaard: "Wer ist ein Christ?"

Auszug aus dem Buch "Tatort Christenheit".

 

Wer du auch seist, dem dies zu Augen kommt, mein Freund:

Wenn ich im Neuen Testament das Leben unseres Herrn Jesus Christus auf Erden lese und was er unter dem Christsein verstand

und dann daran denke,

daß es uns Christen nun millionenfach gibt,

ebenso viele Christen, wie wir Menschen sind,

daß von Geschlecht zu Geschlecht Christen millionenfach zur Prüfung vor der Ewigkeit abgegeben werden: entsetzlich!

Denn nichts kann gewisser sein,

als daß es damit nicht richtig zusammenhängt.
Sag es denn selbst: Was hilft es doch

und wäre es noch so fromm und wohlgemeint!

was hilft es, dich (liebevoll?) in der Einbildung zu bestärken,

du seiest Christ,

oder es sei die Bestimmung des Christseins, verändern zu wollen,

vermutlich, damit du um so sicherer dies Leben genießen könntest,

was hilft es dir, oder richtiger, gereicht es dir nicht gerade zum Schaden,

da es dir dazu verhilft, die Zeitlichkeit
christlich ungenutzt zu lassen bis du dann vor der Ewigkeit stehst,
wo du kein Christ bist, wofern du es nicht warst, und wo es unmöglich ist, einer zu werden?

Du, der du dies liesest, sage selbst:

Habe ich nicht recht gehabt, und habe ich es nicht immer noch:

daß zuallererst alles getan werden muß, um ganz sicher zu bestimmen,

was nach dem Neuen Testament gefordert wird, um Christ zu sein,

daß zuallererst alles getan werden muß, damit wir doch aufmerksam werden können?


* * *


Ich sage, daß die »Christenheit« Geschwätz sei,

das sich am Christentum festgeklammert habe wie Spinngewebe an einer Frucht,

und das nun so gütig ist, sich mit dem Christentum zu verwechseln,

ebenso wie wenn das Spinngewebe meinte, die Frucht zu sein,

weil es, obwohl nicht ganz so vortrefflich, doch an der Frucht hängt.

Diese Art Dasein, wie es die Millionen der Christenheit zeigen,

hat überhaupt kein Verhältnis zum Neuen Testament,

ist etwas Unwirkliches, was kein Anrecht hat auf Christi Verheißungen, die Gläubigen betreffend;

ja, etwas Unwirkliches, denn wahre Wirklichkeit ist nur dort,

wo ein Mensch derart entscheidend gewagt hat, wie Christus es fordert

und dann gehen auch sogleich die Verheißungen ihn an.

Die »Christenheit« aber ist dieser widerwärtige Humbug,

ganz und gar in der Endlichkeit bleiben zu wollen und dann

die Verheißungen des Christentums mitzunehmen.